Faust I.Inszeniert von Ulrich Rasche
In der Figur von Goethes Faust tritt uns der Archetyp des modernen, nach Wissen, Erfahrung und Erfüllung strebenden Menschen entgegen, den Ulrich Rasche in seiner Neuinszenierung auf der Perner-Insel als Manifestationen widerstreitender Kräfte zeichnen will.
Seit dem 16. Jahrhundert gehört die Geschichte des Doktor Faust, der seine Seele dem Teufel verschreibt, zum festen Bestand der europäischen Kultur. In den frühen Fassungen fungiert er als warnendes Beispiel menschlicher Hybris: Wer sich über die göttliche Ordnung erhebt, endet in Verdammnis. Am Ende des 18. Jahrhunderts erfährt der Stoff durch Goethe eine radikale Transformation und wird mitten hinein in die Moderne katapultiert. Goethe, der – so der spanische Philosoph Ortega y Gasset – sein Leben damit verbrachte, „sich selbst zu suchen oder zu meiden“, macht aus dem berühmten Sünder des Volksbuchs Historia von D. Johann Fausten einen rastlos und verzweifelt Suchenden – hin- und hergerissen zwischen extremer Selbstbehauptung und drohendem Selbstverlust.
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ – in dem berühmten Satz formuliert sich Fausts Grundkonflikt: seine innere Zerrissenheit zwischen Erkenntnis und Begehren, zwischen Geist und Sinnlichkeit. Was ihn antreibt, ist jedoch nicht der Wunsch nach Ausgleich, sondern nach Überschreitung. Faust treibt die Bewegung des Überschreitens so weit, bis sie sich gegen ihn selbst richtet. Was als Suche nach Erfahrung beginnt, wird zur Entfremdung vom eigenen Leben.
Ulrich Rasche verdichtet das Geschehen zu einem zeitgenössischen Kammerspiel. Die Welt zieht sich in einen inneren Raum zurück, in dem die Figuren als Manifestationen widerstreitender Kräfte erscheinen. Mephisto (Valery Tscheplanowa) tritt dabei weniger als äußere Macht hervor, denn als Schatten des Faust (Steven Scharf und Johannes Nussbaum) selbst – als Ausdruck seiner eigenen zerstörerischen Energien. „Mephisto ist der Gegenspieler, die Schattenseite des Faust, die Seite, die ihn immer verfolgt, die immer anwesend ist“, erläutert Ulrich Rasche. „Das ist die Verführung, die Triebstruktur, der Rausch, das Erleben von Welt, das Umarmen im Gegensatz zu dem, was Faust bisher getrieben hat, nämlich die Suche nach Erkenntnis, der Rückzug in die Wissenschaft, in das Studierzimmer.“
Foto: Faust I 2026: Ulrich Rasche (Regie / Bühne), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Steven Scharf (Faust
© SF/Jan Friese
Von 25.7.2026 bis 6.8.2026 ausgenommen am 27. Juli
Weiterführende Links:
https://www.salzburgerfestspiele.at/
https://wissensart.at/